Rückblick 20. Bardentreffen:
Die gewandelten Enkel des Schusterpoeten

Bardentreffen 1976 – 1995: Gedanken und Erinnerungen

Kein Zweifel: 1976, als das „Bardentreffen” aus der Taufe gehoben wurde, hatte die Welt ganz andere Töne und Themen.

Und Nürnberg ganz andere Sängerinnen und Sänger: Sogenannte „Amateure” traten bei dem Liedermacherfest auf, und dafür gab es einen Grund. Pate für die „Barden” stand nämlich der Schusterpoet und Meistersinger Hans Sachs, dessen 400. Todestag die Stadt damals feierte. Auf der Suche nach einem Programmbeitrag, der sich speziell an junge Leute richtete, kam der Werbeassistent Herbert Walchshöfer auf die Idee, einen Sängerwettstreit auszurichten, ganz nach dem Vorbild von Richard Wagners „Meistersingern”, nur mit einem etwas anderen Sound. Ein Mini-Etat von 9000 Mark mußte reichen. Die ersten aus rund fünfzig Bewerbern ausgewählten Teilnehmer waren denn auch Sänger nur im Zweitberuf – nicht unbedingt „Schuhmacher und Poet dazu” wie Urahne Sachs, aber immerhin standesgemäße Nachfahren.

Die singende Zahnarzthelferin

Einen „Buchdrucker aus Göppingen”, eine „Zahnarzthelferin aus Rückersdorf”, einen „EDV-Kaufmann aus Übach-Palenberg”, SchülerInnen, StudentInnen und andere Teilnehmer mehr, die nicht professionell hinterm Mikro standen und zur Klampfe griffen, stellte das erste Programmheft unter herzigen ovalen Passbildchen vor.

Und wie das so ist bei „Non-Profis”: Geld kriegten die frühen Barden nicht für ihren Auftritt. Immerhin gab es Preise für die besten: eine Geschenkpackung mit Schreibgeräten, eine Reiseschreibmaschine, die Mitwirkung an einer Sendung des Bayerischen Rundfunks, eine Mittelmeerreise. Typische Förderpreise: Die Sänger oder Dichter sollten Werkzeuge zur Erstellung besserer Manuskripte bekommen oder mal nach Italien fahren, um sich wie weiland Goethe ein bißchen inspirieren zu lassen. Zwanzig Jahre später würde sich einer der hochprofessionellen und weitgereisten Neo-Barden des Festivals für Anreize wie diese wohl nicht einmal auf den Weg nach Nürnberg machen. Heute muß für einen Auftritt schätzungsweise schon der Gegenwert eines ausgewachsenen Personal Computer drin sein: Mit einer Reiseschreibmaschine ist – zu Recht übrigens! – kein Sänger mehr auf die Bühne zu locken. Und nicht mehr bei 9000 Mark liegt der Etat des „Bardentreffens” heute, sondern bei mehr als der zehnfachen Summe – was bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung wenig ist. Statt rund 20 Besuchern der Anfangsjahre zählte man 1994 über 70.000. Aus einer hübschen Verlegenheitslösung von einst ist eine Sommerattraktion geworden, seit in den achtziger Jahren beschlossen wurde, das Amateurfestival in eine Profi-Veranstaltung umzuwandeln.

Die Ritter von Burg Waldeck

Aber nicht nur der Status der Barden hat sich geändert. Die singenden Bankkaufleute, Studenten und Buchhändler der ersten Jahre repräsentierten auch eine andere Welt als die jetzigen Sänger. Wer heute ihre Fotos sieht, muß schmunzeln. Die damaligen Enkel Hans Sachsens sahen allesamt nach ziemlich ernsten Menschen aus: die Männer je nachdem mit dichten Rauschebärten oder kläglichem Bob-Dylan-Flaum, die Frauen mit langem Engelshaar – und alle mit einem etwas vergrübeltem Blick. In lächelnder Unbeschwertheit präsentieren sich nur die Sparkassen-Werbemodels auf den Rückseiten der Programmhefte – als zeitlos sorglose Repräsentanten der Konsumfreudigkeit und damit einer Sorte Mensch, der die Sänger nun gerade nicht angehören wollten.

Immerhin gab es da ja eine Tradition. Bei den Chanson- und Folkfestivals von Burg Waldeck hatte sich 1966 erstmals eine neue deutsche Liedermachergeneration Gehör verschafft, die stilprägend für viele Nachahmer wurde. Diese Generation hatte selber Idole: neben dem amerikanischen Großmeister raunzender Querköpfigkeit Bob Dylan vor allem eine Handvoll Franzosen – den friedlichen Anarchisten Georges Brassens etwa und seinen weniger friedlichen Ahnen Francois Villon, auf die sich Wolf Biermann und Hannes Wader, Reinhard Mey und Franz Josef Degenhardt mit unterschiedlichen Akzenten immer wieder berufen haben.

Aber war die singende Jugend im Gefolge der Burg-Waldeck – Ritter Biermann, Wader und Degenhardt wirklich politischer als die heutige? Musikalische Nach-68er mit spitzer Zunge und dröhnender Stimme, die ihr Publikum aufrütteln wollten?

Ganz so war es denn doch nicht, und es tat sich wie so oft die Kluft zwischen Gutem und nur Gut-gemeintem auf. Der Kritiker Herbert Heinzelmann schrieb nach dem 5. Bardentreffen in der „Nürnberger Zeitung”: „So waren sie, die Barden in Nürnberg 1980: romantisch, privat, weltverschmerzt, zaghaft, sanft. Da hatte fast jeder sein trauriges Liebeslied im Repertoire, und als politische Legitimation den obligatorischen Anti-Strauß-Song. Und dann noch die Öko-Weise mit dem dampfenden Misthaufen als alternativem Energie-Lieferanten. Das war auch schon meist das ganze Programm. Man konnte die Themen beinahe abhaken. Eine Entwicklung in die Uniformität deutete sich an, die doch diesen so gern gegen Uniformen ansingenden Liedermachern absolut nicht zu Gesicht steht.”

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Blaue Blumen und schöne Kinder

Im Feuilleton der „Welt” war im selben Jahr zu lesen: „Nürnberger Barden wurden Schwärmer ohne Stachel”. Und Ulrich Greiner notierte in der „ZEIT” das poetische Unvermögen der Laiensänger und -dichter: „Metaphern stapelten sich über Moll-Klängen. Da wächst eine kleine blaue Blume in der Einsamkeit, da fliegt ein kleiner Schmetterling, da steht ein Baum im Sommerwind und wühlt der Nachtwind in den Bäumen, und weil überhaupt der Wind am Wehen ist, schweben unsere Träume wie ein Blatt im Wind. Altdeutsche Weisen zur Flöte begleiten die Klage über das Gift in den Flüssen und über Strahlungen aus den Reaktoren. Auch die Sprache tümelt sich rückwärts, das Feinsliebchen ist wieder da, und es sputet sich das schöne Kind.”

Die Liedermacherei war in die Krise gekommen, kaum daß sich das Festival etabliert hatte. Die Nachklänge von Burg Waldeck waren so sensationell nicht, daß sie noch jahrelang eine Sommerattraktion hätten ausfüllen können. „Der 'Barde' ist kein Zugpferd mehr”, lautete die etwas bildschiefe Schlagzeile einer Tageszeitung Mitte der Achtziger. Es stand fest, daß das Festival ein neues Profil bekommen mußte, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben.

Barden mit Verstärkung

Die Programm-Macher brauchten sich nur an der Entwicklung einiger ihrer frühen Teilnehmer inspirieren. Klaus Lage, der 1979 und '80 noch allein mit der Gitarre und bluesiger Stimmgewalt seine Übersetzung des John-Lennon-Songs I am the walrus” oder von Janis Joplins„Mercedes Benz” über den Tiergärtnertorplatz geschmettert und einen Bardentreffenhit mit der Nummer „In den Schluchten deines Ichs” gelandet hatte, mauserte sich zum erfolgreichen Deutschrocker. Und auch Heinz-Rudolf Kunze, den man, als er noch völlig unbekannt war, bei Bardentreffen-Abenden im Hof des Nürnberger Bildungszentrums in sparsamer Duobesetzung hatte erleben können („Vergib mir Karin, es war nur – Glas!”), verstärkte sich mit einer Rockband. Die Barden fanden – zur Zeit der recht schnell im Sande verlaufenen „Neuen Deutschen Welle” und dem Aufkommen von Wolfgang Niedeckens langlebiger „BAP”-Firma – zu einer neuen Identität im Gewand des Rocksängers.

Wer 1984 bei der Eröffnung des Bardentreffens am neuen Spielort Burggraben etwa den energiegeladenen Österreicher Sigi Maron oder den Berliner Manfred Maurenbrecher rocken hörte, mußte sich eingestehen, daß der Typus des einsamen Sängers, der träumerische Weisen zu zartem Klampfenzirpen hauchte, nicht mehr zeitgemäß war. Erfrischend, von Maurenbrecher im Burggraben messerscharfe, poetisch verdichtete und in hart akzentuierte Musik verpackte Analysen des Zeitgeists zu vernehmen: „Alte Männer, im Gesicht gezeichnet von der Katastrophe, wünschen ihren Söhnen ei-nen Sieg, den es nicht gibt”. Und beklemmend-erheiternd daneben Sigi Marons wienerische Ummünzung des Themas ständiger Kamera-Überwachung zum Orwell-Jahr: „Auf der Bank und auf der Bahn glotzt mi des bläde Glos-Aug an”.

Immerhin konnte die Welt ja auch wieder zupackende Sänger gebrauchen in einer Zeit, die einen allgemeinen politischen Rechtsrutsch kompensieren mußte: Reagan, Thatcher, Kohl spielten die erste Geige in den Parlamenten – da tat ein Kontrapunkt auf den Bühnen not.

Aber wirklich politische, gesellschaftskritische Stimmen blieben doch eine Ausnahme-Erscheinung. In den Bardentreffen-Programmen wurde versucht, die kritischen Stimmen von einst und jetzt zu versammeln, man lud altbewährte Galionsfiguren des Sanges-Engagements ein wie Walter Mossmann und die Gruppe „Liederjan”, und man vereinigte Sänger aus den damals noch vier deutschsprachigen Ländern Österreich, Schweiz, DDR und BRD.

Wiederentdeckung der „Originale”

Das war in den Jahren, in denen das Konzept des Nürnberger Bardentreffens endgültig von dem des Amateur-Festivals in das eines Sängerfests der Profis umgewandelt wurde: ein notwendiges Zugeständnis an den Wandel in den Publikumsansprüchen. Wer wollte die Kopien der großen „klassischen” Liedermacher noch hören, wo doch die Vorbilder selbst schon zu anachronistischen Erscheinungen geworden waren? Nicht von ungefähr hatte man 1986 die Idee, einen Programmpunkt mit dem Titel „Stationen des Liedermachens” zu etablieren, in dem nostalgische Echos der bereits zwanzigjährigen Burg-Waldeck-Vergangenheit gesammelt wurden: mit Konzerten der „Originale”. Der erste, der diese Liedermachertradition repräsentierte und dem später unter anderem Hannes Wader und Konstantin Wecker folgten, war Wolf Biermann, der vor fünftausend Besuchern im Nürnberger Burggraben dreieinhalb Stunden lang sang und erzählte: So intensiv, so inspiriert hatte man den aus der DDR ausgebürgerten Alt-Barden lange nicht mehr gehört. Und dabei wäre mit ihm beinahe eine Panne passiert: Auf ein regelrechtes Konzert war der Sänger gar nicht vorbereitet, der sich durch den Namen „Bardentreffen” hatte täuschen lassen. Er hatte erwartet, als Dozent bei einem Songschreiber-Workshop fungieren zu sollen und war einigermaßen überrascht, nun doch vor einem großen Publikum zu singen.

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Multikulturelle Akzente

Die neue Vielfalt der populären Musik prägt das Bardentreffen seit den späten achtziger Jahren. Das Programm teilt sich seitdem meist in verschiedene Stränge: Da sind Rockpoeten, kritische Klampfen-Kämpen und Vertreter der alten und neuen „Volksmusik” zu hören. „Volksmusik” ist zu einem umfassenden Begriff geworden, der von der satirischen Gedankenschärfe eines „Liederbayern-Duos” und eines Georg Ringsgwandl bis hin zum heustadelentflammenden Gstanzl-Furor des Duos „Attwenger” unterschiedlichste alpenländische Spielarten mit internationalen Trends auf einen Nenner bringt: dem der algerischen „Rai”-Musik etwa, deren Stars Cheb Kader und Cheb Khaled 1988 und 1989 im Burggraben zu hören waren.

Die Grenzen sind fließend geworden in einer vollmediatisierten und kommunikationselektronisch bis in die hintersten Winkel erschlossenen Welt, die immer kleiner wird. „Weltmusik”, der Trend seit den späten Achtzigern, der den Zuhörern auch manchmal nur „Allerweltsmusik” zu bieten hat, ist auch beim Bardentreffen dominant geworden, hier jedoch meist in einer Auswahl, die jedes Jahr interessante Neuentdeckungen erlaubte. Man hörte in Nürnberg den afrikanischen Bluesmusiker Ali Farka Tour, schon, bevor er mit dem amerikanischen Gitarrenstar Ry Cooder die Erfolgs-CD „Talkin' Timbuktu” aufnahm, man begegnete den aus Albanien stammenden Londoner Studiomusikern „3 Mustapha 3”, bevor sie zum Knüller in Ethno-Musikkanälen wurden.

Dies macht eines deutlich, auf das ruhig einmal hingewiesen werden kann: Der Informationswert, den das Bardentreffen gerade in den letzten Jahren erhalten hat, ist unschätzbar. Eine vergleichbare „Messe” der populären Musikkulturen gibt es in anderen Städten nicht – noch dazu mit Konzerten, zu denen kein Eintritt verlangt wird.

Im Revival von Volks- und Folkmusik kamen auch englischsprachige Altbarden wie Ralph McTell wieder zum Zuge und sorgten gemeinsam mit neuen Stimmen einer wiedererwachten Szene, etwa der Sängerin Michelle Shocked, für warmtönende Burggraben-Nachmittage in erträglicher August-Hitze.

Polyglottes Chanson-Weekend

Polyglott ist es geworden, das ursprünglich nur Texten deutscher Zunge verpflichtete Bardentreffen. Die vielbeschworene „multikulturelle Gesellschaft” fand ihre Entsprechung in Programmen, in denen nicht nur englisch und französisch, sondern auch türkisch und spanisch, jiddisch und bretonisch so-wie in unterschiedlichen afrikanischen Sprachen gesungen wurde.

Ein Konzept der Vielfalt ist immer in Gefahr, in Beliebigkeit abzurutschen, und es gab Jahrgänge des Bardentreffens, deren Programme in der Presse mit dem Angebot eines Supermarkts der Stile verglichen wurden: „Buntes Allerlei, graues Allerlei”. Das seismographische Reagieren auf Trends ist ein schwieriges Unterfangen, zumal in einem Jahrzehnt wie den neunziger Jahren, in dem die Entwicklungen des Popmarkts trotz allseits beteuerter Absatzkrise nicht mehr so recht überschaubar sind. Und in denen sich mittlerweile mit Hip-Hop, House Music und „Tekkno” eine Jugendkultur gebildet hat, zu der die in den siebziger Jahren großgewordenen Rock- und Folkfans, von denen und für die das Bardentreffen ausgetragen wird, keinen Bezug mehr haben.

Vom Amateur- zum Profi-Festival, vom Lieder-Wochenende zum Weltmusik-Weekend, von der Verlegenheitsidee zum städtischen Großereignis: Wie vieles, was im Lauf der Jahre gewachsen und gereift ist, ist das Bardentreffen heute dem der Anfänge wohl kaum noch ähnlich. Zwei Dinge sind geblieben: der Name und der Nulltarif. Dass fast alles andere sich geändert hat, sollte niemanden wundern in einer Zeitspanne, die vom NATO-Doppelbeschluß über die Kohlsche „Wende”, die „Wiedervereinigung” und neue Ausländerfeindlichkeit bis hin zum Golf- und Bosnienkrieg reicht. Und in der die „Unterhaltungs”-Industrie Ausmaße angenommen hat, die 1976 zumindest in Europa wohl noch in weiter Ferne schienen.

Die Enkel von Hans Sachs können sich heute als „Schuhmacher und Poeten dazu” nicht mehr halten. Die Schuster bleiben bei ihren Leisten, und die Poeten und Sänger beim Bardentreffen sind vom Fach. Ob die Schuhe, Texte und Töne dadurch besser geworden sind, muß im Einzelfall entschieden werden.

Roland Spiegel, Programmheft Bardentreffen 1995

 

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