Rückblick 27. Bardentreffen:
Lieder-Macher, Lust-Gewinnler, Lounge-Ausflüge
Es wird wieder eine Abstimmung mit den Füßen werden. Geschätzten 400 000, wenn man den Hochrechnungen des vergangenen Jahres glauben mag, und leicht wunden, wenn man die eigenen Erfahrungen hinzurechnet. Denn der Weg ist ein Ziel beim Nürnberger Bardentreffen. Der Zick-Zack-Kurs durch Altstadt und Angebot wird zur Lustreise unter einer regelmäßig wiederkehrenden Wolke des Wohlgefühls und ist womöglich Symbol einer mobilen, am Ende gar beweglichen Gesellschaft.
Das hatte sich der stattliche Herr mit dem väterlichen Blick überm Rauschebart sicher auch nicht träumen lassen, was aus der Verlegenheitslösung, die als Geschenk ohne Schleifen zu seinem 400. Todestag verpackt worden war, mal werden würde. Hans Sachs, bekanntlich „Schuster und Poet dazu”, hatte dank Richard Wagner in „Die Meistersinger von Nürnberg”, der Haus-Oper mit dem kostenlosen Image-Gewinn für die Stadt, längst eine Zweitkarriere als Heldenbariton hinter sich, als 1976 der urbane Lockruf „Hans Sachs in allen Gassen” ausgegeben wurde. Hans Sachs ist heute als Auslöser eines überregional verblüfft registrierten „Ausnahmezustandes” vergessen, die Hardcore-Barden der ersten Stunde, die Konzerte ungewollt zum strapaziösen Reinigungsritual umbogen, sind nur noch als Spurenelemente im weltumspannenden Programm wahrnehmbar. Getrost könnte man angesichts der Massenbewegung, die das Bardentreffen zuverlässig in Gang setzt, den Slogan auch umtopfen: Hully Gully in allen Gassen – wenn dieser Ausdruck nicht auch schon längst vom galoppierenden Zeitgeist, dem sich die Veranstalter stets mit zurückhaltender Neugier stellten, überwuchert wäre.
Dass aus dem „Sängerwettstreit” fürs vermeintliche Jungvolk – wie bei jedem anständigen Karrierekind hatte der Erfolg des Bardentreffens später auf einmal überraschend viele Väter – Deutschlands größtes Umsonst & Draußen-Festival unter freiem Himmel werden würde, konnte aber wirklich niemand ahnen. Noch 1979 mahnte der Liedermacher Dieter Dehm einen „angemessenen Etat” an, geißelten die Nürnberger Nachrichten, dass die Plattform der mehr oder minder stark ausgeprägten Protestbewegung „ein Stiefkind der Verwaltungsspitze und des Stadtrats” sei.
Beim 11. Festival im Jahre 1986 – der Glaube ans deutsche Liedgut lag schon wieder in den letzten anachronistischen Zügen oder hatte zumindest spürbare Risse bekommen – waren für Wolf Biermann, den Anführer des aufrechten Gangs, Liedermacher nur „noch diese Alles-beschissen-finder-und selbst-nicht-besser-macher”, Wehleidigkeit flattere ihnen „wie ewiger Knoblauchgeruch” voraus: „Manche Liedermacher, die sich vom Liederpöbel absetzen und auf dem Markt behaupten wollten”, schrieb Biermann im Programmheft, „pochten bald schon erbittert darauf, keine Liedermacher zu sein. Wer will schon für einen Dilettanten gehalten werden, der immerzu nichts als seine Glatze rauft und seine politischen Pubertätspickel ausquetscht!
Die Pubertät ist längst vorbei, der Protest hat sich in Songs erschöpft, selbst Joschka Fischer trägt Schlips und staatstragende Gesinnung. Als die Geburtshelfer des Bardentreffens die allabendliche Bienenstock-Atmosphäre der Kids-Vollversammlung auf dem Tiergärtnertorplatz mit ihrer Mischung aus Bänkelgesang, Kontakthofgesprächen und kullernden Bierflaschen erstmals für sich nutzten, waren die Grünen höchstens eine Kopfgeburt. Rasterfahndung, RAF-Kommandos, eine Million Arbeitslose (mein Gott, was könnte Gerhard Schröder bei so einer Zahl heute frohgemut Wahlkampf machen!) waren Themen in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre, als Newcomer wie Klaus Lage, Thommie Bayer und Heinz Rudolf Kunze in Nürnberg Innenfutter als Kopfnahrung anboten. Später durchschritt das Festival die bleierne Zeit der Kohl-Wende und die Gegenreaktion des Nena-Frohsinns und überstand auch die 90-er Jahre-Gier nach dem letzten Musik-Zipfel aus aller Herren Länder.
Vielleicht weil die Festival-Idee zwar aus dem letzten Jahrhundert stammt, aber immer noch nicht von gestern ist. Vielleicht auch, weil die Deutschen von ihren Italien-Urlauben nach ihrer Begeisterung für Pizza vornehmlich auch die Empfänglichkeit für Piazzas importierten – für die Instandbesetzung von Pflaster-Plätzen und Grün-Oasen. Vielleicht hat ja der angesehene Städteforscher Vittorio Magnago Lampugnani, Professor in Zürich und ehemaliger Leiter des Deutschen Architekturmuseums, Recht, wenn er Innenstädten eine „Renaissance des Urbanen” prophezeit, als „Gegengift” in den Zeiten der Wirrtualität.
So lange ist es dabei gar nicht her, dass in Nürnberg der Lorenzer und Sebalder Platz bestenfalls Parkbuchten waren – für Autos, nicht für Menschen. Nun öffnet sich – beim Bardentreffen jedes Jahr immer wieder neu zu bestaunen – die Stadt als Erlebnisraum, der in außergewöhnlicher Weise singt und klingt, summt und brummt. Wo nicht einmal Ampelanlagen – mancher Hörer-Hering wird sich an den bereits legendären Auftritt von Konstantin Wecker und Hannes Wader im mittlerweile wegen notorischer Überfüllung stillgelegten Burggraben erinnern – abschreckende Wirkung hatten. Wo die offene Musikmeile mit ihren Straßenmusikanten, Artisten und Puppenspielern zwischen den einzelnen Spielstätten längst als voll funktionsfähiges Förderband zum erwarteten Lustgewinn dient. Wo andererseits die Zumutung, hinter der nächsten Programmkurve vom großen Unbekannten in die Flucht und zum nächsten Hörplatz getrieben zu werden, zum willkommenen Entdeckersystem gehört. Das Überraschende als Planungsgröße – so was nennt man dann Phänomen.
Jedenfalls lassen sich Heimatgefühle und Weitläufigkeit bei diesem Nürnberger Zentralereignis mühelos miteinander verbinden. Seitdem die Organisatoren des Festivals, das mit den Ansprüchen seines Publikums wuchs, seit den 80-er Jahren die ganze Welt im Blick haben, kann man der Exotik der Oberpfalz ebenso begegnen wie Vertrautheiten aus Übersee, den Verschollenen unter den Wortführern (wie Georg Danzer und Achim Reichel) ebenso wie den ewigen Unter-Wert-Verkauften wie Stefan Stoppok und den zahlreichen Frühchen aus den zahlreichen Trend-Brutkästen.
Denn das Bardentreffen war oftmals nicht Nachspielstation, sondern Brennglas, wo Klezmersound, Zigeunermusik (man erinnert sich an das Paket von Ando Drom bis Fanfare Ciocarlia) und Brasskapellen-Begeisterung in vielen Schattierungen vorgeführt wurden. Als Novitätenschau auch, denn einen „angemessenen Etat” (siehe oben) hat das Ereignis bis heute nicht. Die Not wird zur Tugend. Dass Kinderzimmer (und die dazugehörigen Künstler) neuerdings offenbar gefragte Basislager für ein verändertes Familienbewusstsein sind, andererseits aber mit einem ganzen Paket von „Down under”-Musikern der fünfte Kontinent herangezoomt wird, bestätigt das nachvollziehbare Globalisierungsdilemma der Menschen, im einschüchternden Weitblick nicht die Nähe verlieren zu wollen.
Die Anpassungsfähigkeit des Festivals mag seine Überlebensgarantie sein. Da kann es nur bedingt verwundern, wenn im bewusstseinserweiternden Rundlauf diesmal auch Loungemusik auftaucht, also die hippe Beruhigungspille der neuen Partysanen. Nur „Schwulen Mädchen” etwa, von den Hamburger HipHoppern Fettes Brot als Spottkameraden auf die Gehsteige geschickt, begegnet man nicht. Auch wenn die Sängerwettstreite dieser Flottreimer vom Verseschmieden aus Barden-Urzeit gar nicht so weit entfernt sind. Und wie steht's schon bei Hans Sachs: Verachtet mir die Meisterreimer nicht!
Andreas Radlmaier im Programmheft 2002
