Rückblick 27. Bardentreffen:
Und es war Sommer...

Eigentlich könnte Thomas Gottschalk über die Anfänge des Bardentreffens schreiben, denn er war damals als Moderator dabei. Aber wie immer hätte er keine Zeit oder unser Honorar wäre zu niedrig. Also fragen wir uns selbst: „Was war vor dreißig Jahren?”, als das Bardentreffen aus der Taufe gehoben wurde.

Die deutsche Hitparade führte damals Jürgen Drews mit „Ein Bett im Kornfeld” an. Gelistet ist auch „Die kleine Kneipe”, in der Peter Alexander sein Bier zu einen Traumpreis von einer Deutschen Mark hätte trinken können (1976 kostete die Maß Bier auf dem Münchener Oktoberfest 3,50 DM.). Schmissig kam „Schmidtchen Schleicher” von Nico Haak daher, und Howard Carpendale konnte noch nicht „Fremde oder Freunde” unterscheiden. Chris Roberts stellte die entscheidende Frage „Do you speak English?”, während Paul McCartney mit seinen Wings nur noch „Silly Love Songs” zum Besten gab.

Neben den Hitparade-Hits hörte das Land auch alternative Musik: Das so genannte linksradikale Blasorchester um den Komponisten Heiner Goebbels spielte damals frei nach Frank Zappa „Ich bin halt die Kotze aus deiner Glotze”, Ton Steine Scherben verließen das geteilte Berlin und zogen sich aufs Land zurück, Wolf Biermann wurde aus der DDR ausgebürgert und aus Protest folgte ihm Nina Hagen „vom Regen in die Jauche”. Konstantin Wecker gab mit „Weckerleuchten” den „dummen Bub” und träumte „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist”, Wolfgang Ambros jubelte „Es lebe der Zentralfriedhof” und wünschte sich „Zwickts mi”. In Schwabing erschien die erste Langspielplatte von Fredl Fesl. Zusammen mit Willi Michl war er der King der Münchener Schickeria, während die Biermösl Blosn manche Gäste in der Münchener Kleinkunstkneipe MUH verunsicherten.

Im Fernsehen flimmerten nur ARD, ZDF und die Dritten Programme. Der WDR strahlte die erste Talkshow aus, in der ARD war „Am laufenden Band” der Renner. Robert de Niro beschützte als „Taxi Driver” in den Kinos Jodie Foster und Steven Jobs gründete am 1. April die Firma Apple. Die Sängerin von „Wir sind Helden” Judith Holofernes krähte ihre ersten Töne und Michael Ballack gewöhnte sich an seine ersten Schuhe. In der legendären Sportschau konnte man sehen, wie sich der Club in der Regionalliga Süd festsetzte; Deutscher Fußballmeister wurde 1976 Borussia Mönchengladbach und Uli Hoeneß vergeigte in Belgrad beim Europameisterschaftsendspiel den entscheidenden Elfmeter gegen die CSSR.

So wenig wie die Privatsender gab es die Grünen. Überhaupt war die Politik damals anders besetzt. Franz Josef Strauß sah die „Linkspartei FDP” fest an der Seite der SPD mit deren Kanzler Helmut Schmidt, in China saß Mao Tse Tung noch fest im Sattel und Ulrike Meinhof starb in Stammheim. In der Provinz, in Nürnberg manifestierte sich die politische Jugendzentrumsbewegung mit dem Nürnberger KOMM, das bald in ganz Deutschland bekannt wurde.

Vor dem Ausgehen verbrachten junge Frauen Stunden im kalten Badewasser – mit Jeans bekleidet, damit diese danach auch wirklich hauteng saßen. Die Männer trugen als Überbleibsel der rebellischen 60er lange, wilde Haare, Vollbart und eine John Lennon-Brille auf der Nase. Karierte Holzfällerhemden galten ebenso als schick wie Zimmermannshosen. In Nürnberg ging man „auf die Burg”: in den „Schmelztiegel” oder in die „Kaiserburg”, ins „Gunzenhausener” oder „Nid Noi”. Etwas außerhalb der Altstadt lagen „Gregor Samsa” und „Heinrich VIII”, im „Zündholz” spielte Folkmusik, die ersten griechischen Kneipen eroberten die Szene und im Sommer konnte man erstmals auf das Bardentreffen gehen.

Das Bardentreffen – etwas aufregend Neues: Musik im Burgviertel, umsonst, handgemacht und tiefsinnig, witzig, ironisch, auch im Dialekt. Christian Eckhart träumte auf der „Autobahn”, Günter Stössel galoppierte seinen „Globetrottel Rag” und Mutter Anni mit ihrem Sohn Jockel Becker sangen ihre Pfälzer Lieder und waren die Lieblinge des Publikums.

30 Jahre Bardentreffen: Das sind dreißig Jahre Nürnberger Musikgeschichte, die sich – immer im „italienischen” Sommer – auf dem Ölberg, im „Atlantik Café”, im Burggraben, im Hof der Unteren Talgasse, auf dem Rathausplatz, am Köpfleinsberg, auf dem Jakobsplatz, im Handwerkerhof, im KOMM, im Luitpoldhain, auf dem Tiergärntertorplatz, im Krafftschen Hof, auf dem Klarissenplatz und an den heutigen Spielstätten abgespielt hat. Und so sehr sich die Welt seit dem ersten Bardentreffen verändert haben mag, eines ist geblieben: Das Bardentreffen lebt in der Stadt und von der Musikbegeisterung ihrer Bürger.

Charly Fischer im Programmheft 2005

 

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